„Meine Begegnung mit jungen Muslimen im Al-Mustafa Institut“ von Dr. Sedigheh Mousavi

Aktuelle Veranstaltung des Instituts…

Tübingen, den 13. August 2017 

Die auf das Wort hören und dem Besten davon folgen. Das sind diejenigen, die Gott rechtgeleitet hat. Sie sind es, die Verstand haben. 
(Koran: Sure 39, Vers 18) 

Eine Einladung nach Berlin 

Ich bekam per Mail eine Einladung vom Al-Mustafa Institut in Berlin. Der schiitische Dachverband IGS plante einen Workshop in diesem Institut zu veranstalten. Den Direktor des Al-Mustafa Institutes, Prof. Dr. Esfahani, kannte ich nicht persönlich, aber die Themen des Workshops lenkten meine Aufmerksamkeit auf sich. 

Prof. Dr. Esfahani bat mich darum, während des Workshops „Islam zwischen Rationalität und Radikalität“ zwei Vorträge zu halten. Der erste wurde geplant für den 28.07.2017 unter dem Titel „Die Rolle des Intellekts in der Interpretation des Korans und der Überlieferungen“ und mein zweiter Vortrag sollte am 29. 07. 2017 stattfinden, unter dem Titel „Die Veränderungen des Islamverständnisses in der Zeit nach dem Tod des Propheten und die Entstehung der Geschichte der Überlieferungswerke“. 

Ich entschloss mich, nach Berlin zu reisen und die Vorträge zu halten. Ich bin der Meinung, dass diese Themen ein wichtiger Teil unserer theologischen Geschichte sind und wir, als diejenigen, die mit dieser Theologie aufgewachsen und in der Forschung und Lehre tätig sind, diese Aspekte unserer Religion jungen Muslimen darlegen sollten. Damit diese sie berücksichtigen, und zum Nachdenken darüber angeregt werden.  

Erste Begegnung mit Professor Dr. Esfahani 

Ich war gegen 11:00 Uhr in Berlin. Ich klingelte und Herr Esfahani machte die Tür auf. Zum ersten Mal begegnete ich ihm. Er war beschäftigt mit dem Blumengießen und hatte eine kleine Schere in der Hand. „Bitte entschuldigen Sie mich, dass ich im Kommen und Gehen mit Ihnen rede, aber ich muss die verwelkten Blätter abschneiden.“ So sagte er zu mir. Ich fand ihn sehr sympathisch. Er erklärte mir alles und erzählte sehr freundlich und ruhig von den unangenehmen und ungerechten Berichten in manchen Zeitungen. Die Veranstalter dieses Workshops, der der Prävention gegen Radikalisierung dienen sollte, wurden in manchen Medien als „Terror-Helfer“ verunglimpft. 

Junge engagierte Muslime bilden sich in ihrer Religion fort 

Nach und nach tauchten die Teilnehmer auf. Junge, interessierte, intelligente Leute. Ich wunderte mich über die klugen Fragen, als ich mit meinem Vortrag anfing. Der menschliche Intellekt stand im Mittelpunkt der Diskussionen. 

Bei meinem zweiten Vortrag handelte es sich darum, wie es möglich war, die Überlieferungen, die das Leben des Propheten und dessen Aussagen widerspiegeln, zu verfälschen. Eine historische Lücke bei der Sammlung der Überlieferungen wurde angesprochen. 

Während des Workshops habe ich auch den Vertreter der IGS (Islamische Gemeinschaft der schiitischen Gemeinden Deutschlands) getroffen. Ein junger, engagierter, schiitischer Deutsch-Iraner. Mit ihm sprach ich ebenfalls über die Berichte in manchen Zeitungen. Sehr ruhig antworte er auf meine Fragen und betonte, dass „die Journalisten und die Schreiber der Berichte sich nicht einmal die Mühe gegeben haben, uns zu kontaktieren und uns ihre Fragen zu stellen“. 

Gedanken zur Rolle der Medien im Umgang mit der Religion des Islam 

Ist dieser Umgang mit einem Workshop gerecht? Diese Frage beschäftigte mich. 

Ich denke, dass die Pressefreiheit die Verantwortlichkeit der Presse nicht ausschließen darf. Die Berichte und Nachrichten müssen auf der Wahrheit basieren und nicht auf Vermutungen und Missverständnissen. 

Man hätte die Möglichkeit gehabt, sich informieren zu lassen, selbst am Workshop teilzunehmen und dann fundierte Schlussfolgerungen zu ziehen. 

Den jungen, gebildeten Muslimen, den Veranstaltern und Organisatoren und den Referentinnen und Referenten die Unterstützung terroristischer Aktionen zu zuschreiben, ist kein Zeichen der Toleranz. Zuerst muss man zuhören und dann beurteilen. 

Wir sind im 21. Jahrhundert. Die Massenmedien sind enorm gewachsen. Man kann auf keinen Fall falsche Aussagen und Berichte rechtfertigen. 

Es ist an der Zeit, dass die westlichen Medien ein neutrales Bild der monotheistischen Weltreligion Islam darstellen. Das Bild, das vom Islam im Westen seit dem Mittelalter   verbreitet wurde, muss bearbeitet, und nach zeitgemäßen Erkenntnissen und den Maßstäben der Toleranz bewertet werden. Diese falsche, einseitige, intolerante, mittelalterliche Darstellung des Islam in den deutschen Medien muss ein Ende haben. Man muss zwischen den terroristischen Gruppierungen und dem wahren Inhalt der Religion eine vernünftige Grenze ziehen. 

Die Medien eines jeden Landes spiegeln die kollektive Vernunft wider. Sie sind verpflichtet, aufzuklären und sich nicht nach einem politischen Geschmack zu richten.    

Dr. Sedigheh Mousavi 

Promovierte Islamwissenschaftlerin und Dozentin an der Universität Tübingen 

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